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Die Schlangensage von Wannweil
Rathausbrunnen
"In Wannweil, dort, wo der
Ebbach in die Echaz mündet, lag einst mitten im Fluß
ein Felsen. An heißen Sommertagen sonnte sich eine Schlange
auf dem Stein, die trug ein goldenes Krönlein. Das Tier
stand bei den Leuten in hohem Ansehen. Niemand störte es
an seinem Ruheplatz, und wenn man ihm auf dem Weg dorthin begegnete,
wich man aus. Kam die Schlange an einer Ackerfurche daher, so
stellte der Bauer seinen Pflug zur Seite, damit sie ihren Weg
ungehindert fortsetzen konnte. Das seltsame Tier hauste in einer
Höhle mitten im Burghaus, einem Hügel, auf dem einst
ein Schloß gestanden haben soll. Durch einen bösen
Zauber sei die Schloßherrin in eine Schlange verwandelt
und in den Berg verbannt worden, erzählte man. Ein schwarzer
Pudel mit feurigen Augen bewachte die unermeßlichen Schätze
der einstigen Burg. Die Schlange suchte oft die Gesellschaft
der Menschen, und häufig war sie zu Gast in einem Haus am
Fluß. Sie spielte dann mit den Kindern und trank sogar
aus der Milchschüssel, die man jenen hinstellte. Erst als
ein Kind einmal böse gegen sie wurde ihr mit dem Löffel
auf den Kopf schlug und rief: Du, sauf net bloß Milch,
friß ao dBrocka! Da sei sie ausgeblieben. Weil die
Schlange seit Menschengedenken in Wannweil bekannt war, hieß
man sie "dUhleahne", d.h. die Huhleahne oder
Höhlenahne, und wenn Kinder zur Betglockenzeit nicht heimgehen
wollten, schreckte man sie mit der Drohung: DUhleahne kommt
ond nemmet de mit en ihr Höhle! Nach dem verborgenen Schatz
ist oft schon gegraben worden. Als einmal um Mitternacht ein
paar Burschen in die Höhle stiegen und das Gestein wegzuräumen
versuchten, flogen ihnen bei jedem Hieb die Hacken über
den Kopf.Da merkten sie, daß es an dem Ort nicht mit rechten
Dingen zuging, und gaben auf. Das verwunschene Burgfräulein
soll aber alle hundert Jahre seine ursprüngliche Gestalt
annehmen dürfen. Dann erscheint es den Menschen in einem
schneeweißen Kleid mit einem goldenen Gürtel, an dem
ein großer Schlüsselbund hängt. Wer es in dieser
Zeit erlöst, bekommt auch den Schatz in der Höhle.
Aber das ist noch keinem geglückt."
Gedanken zur Wannweiler
Schlangensage
Die Wannweiler Schlangensage,
wie sie durch mündliche Überlieferung von Generation
zu Generation weitergegeben wurde, beruht wahrscheinlich auf
der Tatsache, daß früher - vor dem Beginn der Industrialisierung
- auch verschiedene Schlagen- und Schleichenarten bei uns heimisch
waren. So war es nur natürlich, daß zu den Bauernhäusern
am Ortsrand gelegentlich Schlangenbesuch kam. Daß dies
nicht nur in Wannweil vorkam, beweist die Vielzahl von Schlangensagen
und Märchen. Es gibt eine Unzahl ähnlicher Schlangenmärchen,
Schlangen die Goldschätze hüten, die sich mit Menschen
befreunden, verwunschene und sprechende Schlangen. Ich meine,
daß der Umgang mit Schlangen früher besonders den
christlichen Menschen sehr bewegte. So spielt die Schlange in
der Bibel eine bedeutende Rolle: denken wir an die Schlange im
Paradies, an den Stab Moses, welcher zur Schlange wurde, die
eherne Schlange, usw. Vielleicht war die Schlange auch ein Tier,
dessen Nutzen der Mensch noch nicht erkennen konnte, sie schien
ihm unnütz und doch geheimnisvoll, wenn nicht sogar heilig.
Deshalb will ich die Wannweiler Schlangensage nicht überbewerten,
sie reiht sich ein, in die württembergische Märchen-
und Sagenwelt, wird auch in dieser oder ähnlicher Form noch
in Rottenburg, Hirschau, Schwandorf bei Nagold oder Wurmlingen
erzählt. Die Wannweiler Schlangensage ging im Jahre 1925
in das Wannweiler Ortswappen ein. Damals wurde vom Gemeinderat
beschlossen, ein Ortswappen zu schaffen, da aus früheren
Zeiten kein Wappen vorhanden war. Das Landesamt für Denkmalpflege
genehmigte nach langen Verhandlungen das uns heute bekannte Wappen
mit der Schlangensage. Daß unserer Sage ein wahrer Kern
zugrunde liegt, beweist die Tatsache der früheren Existenz
einer Burg im Gewann "Burghau", sowie die sonnige Lage
des Burghügels.
Walter Ott |