GUGGEGAICH Wannweiler Erinnerungen erzählt von Christian Handel

SCHÖNE JUGENDZEIT
Meine früheste Erinnerung geht zurück
bis zum Jahre l9l9. Der unselige 1. Weltkrieg war längst
vorbei, aber Mutter hatte von unserem Vater seit vielen Wochen
nichts mehr gehört. Draußen regnete es, und wir vier
Geschwister spielten im Zimmer. Plötzlich brach zwischen
Maria und Emil ein Streit aus. Er warf ihr wütend ein Spielzeug
nach, das aber traf nicht meine Schwester, sondern mitten in
die Fensterscheibe, die dabei zu Bruch ging. In Wannweil gab
es keinen Glaser, und Telefon kannte man noch kaum. Also mußte
mein Bruder Emil, der damals zehn Jahre alt war, nach Kirchentellinsfurt
laufen und dem Glaser sagen, daß er eine neue Scheibe einsetzen
solle. Schon am nächsten Tag kam der Glaser. Er hatte einen
Schnurrbart und trug ein Holzgestell mit dem Glas auf dem Rücken.
Zwei Tage später stand ich auf der Bank am Fenster und schaute
die Straße hinunter. Auf einmal schrie ich: "Mutter,
der Glaser kommt!" Meine Mutter konnte das nicht glauben
und schaute ebenfalls zum Fenster raus. Da rief sie fassungslos:
"Das ist ja der Vater!" Ich kannte ihn noch nicht,
weil ich im Krieg geboren bin. So hielt ich meinen Vater, der
auch einen Schnurrbart hatte und seinen Tornister auf dem Rücken
trug, für den Glaser, der damals das Fensterglas mit dem
Holzgestell auf dem Rücken transportierte.
GUGGEGAICH
Wir lagen noch drei Wochen auf dieser Wiese
und hatten das Glück, daß das Wetter es gut mit uns
meinte, denn es regnete kaum. Die Posten, die uns bewachen mußten,
lagen mit ihren Maschinengewehren in weiter Entfernung, so daß
sie uns wenig störten, und wir sie kaum bemerkten. Jeden
Tag kamen neue Gerüchte auf. Man beruhigte uns mit der Parole,
wir würden nicht in Gefangenschaft gehalten, weil wir kapituliert
hätten. Eines Tages sagte man uns, wir müßten
nach Lettland zurückmarschieren, weil in Ostpreußen
alle Brücken gesprengt und zerstört seien. Von dort
würde es mit dem Schiff nach Hause gehen. Diese Parole wurde
vom Russen taktisch geschickt verbreitet, denn so marschierten
wir treu und brav die endlose Strecke zurück, und keiner
dachte an Flucht. Daß wir kaum bewacht wurden, stärkte
unsere Hoffnung, tatsächlich mit dem Schiff in die Heimat
fahren zu können. Der erste Abschnitt führte uns durch
Litauen. Wir waren ganz angetan von dem Wohlwollen der litauischen
Frauen und Mädchen, die an der Straße standen, uns
Trinkwasser reichten und manchmal Blumen zuwarfen. So viel Herzlichkeit
und Güte hatten wir nicht erwartet, denn die Bevölkerung
war ja durch den Krieg gegen Rußland, den wir verschuldet
hatten, auch in Not und Elend geraten.
Während des Marsches wurden wir kaum
bewacht, und die 15OO Mann nahmen die Strapazen bei großer
Hitze und staubigen Straßen in dem Glauben an eine baldige
Heimkehr tapfer in Kauf. Unsere Tagesleistung lag über dreißig
Kilometer. Das war bei dem Gepäck, das der Einzelne mehr
oder weniger hatte, und bei dem mageren Essen schon eine gewaltige
Anstrengung, zumal wir in der endlosen Schlange nicht zügig
marschieren konnten. Außerdem mußten wir auf die
Fußkranken Rücksicht nehmen. Sie durften zwar ihr
Gepäck, sofern sie noch welches besaßen, auf die russischen
Begleitfahrzeuge legen, doch das Marschieren konnte man ihnen
nicht abnehmen. Ich bekam während des ganzen Marsches von
acht Tagen meine abgeschnittenen Stiefel weder tags noch nachts
von den Füßen; Socken, Schweiß und Dreck bildeten
eine Masse. Trotzdem konnte ich noch gut marschieren und bekam
während der langen Strecke keine ernsten Beschwerden. Wenn
sich abends nach dem Marsch alle müde
auf den Boden fallen ließen, ging ich noch los, um Stroh
zu besorgen, denn gegen Morgen wurde es im Zelt vom Boden her
empfindlich kalt. Ich marschierte zu den nächsten Bauernhöfen;
Stroh fand ich immer, und manchmal bekam ich auch ein Stück
Brot. Als ich zurückkam, mußte ich mit meinen Kameraden
schimpfen, denn sie lagen immer noch auf dem Boden und hatten
nicht einmal angefangen, das Zelt aufzubauen.
Am fünften Tag lagerten wir gegen
Abend nördlich von Libau an einem
größeren Bauernhof, der auf einem kleinen Hügel
lag. Hier hatten wir eine gute Aussicht. Diese Gegend war uns
wohlbekannt, und es schien uns unglaublich, daß wir wieder
hierher zurückgekommen sind. Noch vor einem halben Jahr
waren wir in der Schule, die ein paar hundert Meter vor uns lag,
einquartiert. Ganz in der Nähe der Schule stand der schöne
Bauernhof, den wir so gut kannten. Die netten Leute hatten es
uns gestattet, daß wir ihre Sauna, die in einem kleinen
Häuschen im Freien stand, benutzten, und mein Freund Karl,
der neben mir im Gras lag, wurde dort manchmal zum Abendessen
eingeladen. Wir überlegten, ob wir es riskieren sollten,
die Bauersleute aufzusuchen. Was würde geschehen, wenn die
Posten uns erwischen sollten? Vielleicht wäre es den Leuten,
nachdem der Krieg verloren war, wegen der Nachbarn nicht angenehm
gewesen. Also blieben wir im Gras liegen und träumten vor
uns hin. Auf einmal machte ich eine Entdeckung. Ich traute meinen
Augen nicht und sagte laut: "Hier wachsen ja Guggegaich!"
Ich rupfte einen heraus und aß davon. Karl wußte
gleich den richtigen Namen für Guggegaich. "Das ist
doch Wiesenbocksbart, kann man den essen?" Nun erzählte
ich ihm von meinem Heimatort Wannweil: "Wenn im Sommeranfang
das Gras so dreißig Zentimeter hoch stand, gingen wir von
der Insel, wo ich zusammen mit meinen gleichaltrigen Kameraden
spielte, auf die Wiesen neben dem Haus von Christian Walz. Auf
diesen Wiesen pflückten wir die besten Guggegaich und steckten
sie in die Hosentaschen. Wenn die voll waren, nahmen wir noch
möglichst viele auf den Arm. Der etwas auslaufende weißliche
Saft gab zwar Flecken in die Kleider, aber das störte uns
nicht. Es wurden nur die kleineren, stärkeren abgepflückt,
denn die großen waren schon etwas
holzig. Beim Sammeln spazierten wir in Richtung Sportplatz, und
wenn wir Arme und Hände voll hatten, setzten wir uns auf
die Treppen vom Sportvereinshäusle. Die unteren größeren
Blätter rissen wir ab und warfen sie weg; auch die Blütenknospen
wurden nicht gegessen. Nun vertilgten wir die ganze Menge Guggegaich,
so gut haben sie uns geschmeckt!"
Man muß sich vorstellen, daß
damals die Familien um diese Jahreszeit kein Gemüse kaufen
konnten und Obst schon gar nicht. So war der Verzehr der Guggegaich
eine vitaminreiche Kost für uns. Wir holten sie nur im Grieß,
weil dort kein Kunstdünger zur Verwendung kam, denn diese
Wiesen wurden durch ein kleines Kanalsystem mit Echazwasser versorgt.
Wir dachten damals nicht daran, daß auch dieses Wasser
durch die Reutlinger Färbereien und Gerbereien schon etwas
vergiftet war, obwohl sich auf dem Grund der Echaz ein dunkler
Belag abgesetzt hatte und keine Fische mehr zu sehen waren. Nur
unter den Steinen hatten sich schwarze Blutegel festgesaugt,
vor denen es uns grauste.
So erzählte ich ausführlich und
war in Gedanken ganz in meiner Jugendzeit. Erst der Ruf: "Brot
empfangen!" holte mich in die rauhe Wirklichkeit zurück.
Während des Erzählens hatte ich einige Guggegaich gegessen,
sie schmeckten aber nicht so gut wie daheim, weil der Boden sehr
trocken und die Guggegaich holzig waren. Jedenfalls brachten
sie mir eine schöne Erinnerung an meine glückliche
Kindheit. Ob die Buben in Wannweil heute auch noch Guggegaich
kennen oder sogar essen?
Das Buch ist noch erhältlich. Christian
Handel, Walter-Gropius-Platz 7, 72762 Reutlingen, Tel. 07121/27
06 80, Preis 20 DM, Lieferung frei Haus.
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